Am heutigen Tag verhinderten tausende Menschen einen der größten Naziaufmärsche Europas. Ein Großteil der Demonstrant_innen kam allerdings nicht aus Dresden. Leider gab es in den Reihen der Gegendemonstrant_innen nur wenig augenscheinliche Kritik am Gedenken. Diese spielt weder bei der Zivilgesellschaft noch in der Antifaszene eine übergeordnete Rolle.
Dazu Pressesprecher der „Aktion Bedenken“ Kai Solowski: „Genau darin sehen wir das Problem. Die Widersprüchlichkeit zwischen dem Gedenken deutscher Opfer Dresdner Manier und dem Wissen um die Geschichte Deutschlands, wird nivelliert durch die Art und Weise der Betrachtung des Zweiten Weltkriegs und des NS: Wenn behauptet wird, der Krieg, den die Deutschen 1939 begannen, sei 1945 nach Dresden zurück gekehrt. Das aber ist erstens falsch und verleugnet zweitens die Tatsache, dass die Deutschen auch im Jahr 1945 ihr Projekt mit dem gleichen grausamen Ehrgeiz fortführten, mit dem sie es angefangen haben. Die Synagogen brannten schon vor dem Krieg und die Transporte in die Konzentrationslager gingen auch nach der Bombardierung Dresdens weiter. Der Krieg schlug nicht nach Deutschland zurück, die Deutschen und ihr Vernichtungskrieg waren nur militärisch zu stoppen.“
Dennoch konnten einige Aktionen rund um den 13.Februar beobachtet werden, die eine eindeutige Kritik an dem Gedenken der Bürger_innen von Dresden zum Inhalt hatten. Wir möchten hier nun unserem Vorhaben gerecht werden, den Protest gegen den vorherrschenden Geschichtsrevisionismus zu dokumentieren.
Bereits im Vorfeld wurde auf dem Dresdner Heidefriedhof das Mahnmal für die Opfer des Bombenangriffs im Februar 1945 mit Farbe beschmiert, so ein Bericht der Sächsischen Zeitung vom 11.02.2010. Dort wird auf Stelen eine Gleichsetzung der Bombardierung Dresdens mit Auschwitz und Coventry symbolisiert. „Daher kann die Beschädigung des Mahnmals als eine Kritik an dieser Geschichtsfälschung verstanden werden“, so Kai Solowski.
Ein weiteres Beispiel des Geschichtsrevisionismus ist der Dresdner Gedenkweg, der dieses Jahr zum ersten Mal stattfand. Inhaltlich ist er überaus anschlussfähig an die anderen Gedenkfeierlichkeiten rund um Dresden: „Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Anblick Dresdens“, so einer der Redner. Die Dresdner seien Opfer zweier politischer Systeme geworden, „womit die Shoa relativiert wird und die eigentlichen Täter_innen – die Deutschen und auch damit auch die Dresdner_innen – zu Opfern umgedeutet werden“, erläutert Kai Solowski. „Dieser geschichtsrevisionistische Gedenkweg quer durch die Dresdner Altstadt wurde deshalb von Protestaktionen gestört.“ Kurz vor der Frauenkirche verteilte „Pink Rabbit“ (ein menschengroßer Plüschhase) Papierflugzeuge mit seinen Anmerkungen gegen deutsche Opfermythen. Zeitgleich konfrontierten mehrere Leute die Gedenkrunde mit Konfetti, Bonbons und Parolen wie „Ihr Narren“ und „Bombenstimmung“. Später entrollte eine Gruppe zwei Transparente und verteilte Flyer mit der Forderung „Geschichtsfälschung entgegentreten“. Eine weitere Gruppe störte die Rede am Postplatz mit Rasseln und Tröten. Die Gedenkenden beschimpften die Kritiker_innen und versuchten, sie an ihrem Protest zu hindern. Die Polizei, die den gesamten Gedenkweg begleitete, schritt ebenfalls ein und drängte die Protestierenden unter massiver Gewaltanwendung zurück.
Auch die abendliche Gedenkveranstaltung „Wahrhaftig erinnern – Versöhnt leben“ blieb nicht unkommentiert: Trillern, Tröten, Schneebälle und Parolen wie „Deutsche Täter sind keine Opfer“ begleiteten das Gedenken.
Das jährliche Glockengeläute an der Frauenkirche wurde auch kritisch begleitet. Die Gedenkkerzen wurden von mehreren Personen großflächig ausgepustet und ein Transparent mit der Forderung „Nie wieder Deutschland“ hing kurze Zeit gegenüber der Kirche. Rund um den Neumarkt gab es außerdem Feuerwerkskörper am Himmel zu sehen.
Obwohl die Protestaktionen den Ablauf der Veranstaltungen kaum verzögerten, lösten sie bei den Gedenkenden Wutattacken aus, die von Beschimpfungen bis zu Handgreiflichkeiten reichten, so fielen unter anderem Sprüche, wie „Euch brauchen wir hier nicht!“ oder „Was haben Sie denn für eine Sprache? Sie sprechen gar nicht wie ein richtiger Deutscher.“.
„Solche Reaktionen zeigen, dass die Dresdner_innen keine Kritik an ihrem Gedenken zulassen und ihre Auffassung von deutscher Opfergeschichte nicht in Frage stellen wollen. Genau dieser Umstand beweist, dass diese Aktionen notwendig waren. Vielleicht setzen im nächsten Jahr noch mehr kritische Menschen unsere Bedenken in die Tat um“, hofft Solowski.
Aktion Bedenken